Aufbruchstimmung am Weltsozialforum 2004:

Ein anderer Tourismus ist gefordert!

Soll diese andere Welt möglich werden, die am Weltsozialforum (WSF) 2004 in Mumbai so bunt und kraftvoll aufschien, so muss sich auch im Tourismus einiges ändern. Das machten die Veranstaltungen klar, die erstmals an einem WSF den Tourismus, der zu den weltweit führenden Wirtschaftszweigen und Schrittmachern der Globalisierung zählt, breit zur Diskussion stellten. Aus verschiedensten Bundesstaaten Indiens, aus ganz Asien, aus Afrika und Lateinamerika kamen zahlreiche VertreterInnen von Gemeinden, NGOs, Gewerkschaften und Basisbewegungen zusammen und forderten unmissverständlich ihre Rechte ein – ihre Rechte auf Land und Zugang zu Ressourcen, auf Mitsprache und würdige Arbeitsbedingungen. Tourismus muss auf seine Sozialverträglichkeit überprüft werden, lautete ihr Fazit, „social audit“ und „social accountability“ standen im Zentrum ihrer Forderungen. Von den Verantwortlichen aus der Politik, den mächtigen Konzernen und Spitzenverbänden der Tourismusindustrie, in der externe Kontrollmechanismen heute weitgehend fehlen, verlangen sie Transparenz und Rechenschaft über all ihre Handlungen gegenüber der Zivilgesellschaft.

von Christine Plüss

Mehr Stühle mussten her, auf die Schnelle zusätzliche Mikrophone beschafft und Übersetzungen in verschiedenste Sprachen organisiert werden, so dicht drängten sich die Menschen zu den drei Tourismusworkshops in den Jutezelten, die auf dem ehemaligen Industriegelände „Nesco Ground“ für die Veranstaltungen aufgestellt waren. Der Zulauf für diese ersten Tourismuspräsentationen auf einem WSF war umso überraschender, als das WSF 2004 mit rund 1'200 Veranstaltungen doch ein überaus reichliches Angebot an Diskussionsstoff bot, nicht zu reden vom farbenfrohen Spektakel der Demos, die unentwegt über das WSF-Areal zogen, der Vielfalt an Parolen, witzigen Protestaktionen und Strassentheatern, der heiteren, ausgelassenen Stimmung und den spontanen Begegnungen mit Menschen aus der ganzen Welt, welche die Teilnehmenden am WSF magisch in den Bann zogen und letztlich mehr als alle grossen Worte das WSF von Mumbai prägten.

Die Menschen zuerst!

Keine Frage, in Mumbai galt das Interesse in erster Linie den Menschen und ihren Erfahrungen mit der Globalisierung. Das zeigte sich auch auf den Tourismusveranstaltungen am WSF, die von der tourismuskritischen Organisation „EQUATIONS“ aus dem südindischen Bangalore gemeinsam mit der „Ecumenical Coalition on Tourism“ (ECOT), Hongkong, dem „EED-Tourism Watch“, Bonn, und dem Basler „Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung“ (akte) organisiert wurden. Für einmal standen nicht die komplexen Finanz- und Handelsmechanismen der globalen Tourismusindustrie, nicht die Versprechen oder die neu aufgelegten Programme zur „Armutsbekämpfung“ der Tourismuspolitiker und –unternehmer im Zentrum der Diskussion, sondern die vielfältigen Erfahrungen der BewohnerInnen aus den Tourismusgebieten.

„People are the alpha and the omega of tourism developments”, hielt der Tourismusexperte Adama Bah von „Tourism Concern”, Gambia, gleich zum Auftakt der Veranstaltungsreihe fest: „They are the producers, they are the product, and they are the consumers”. Nicht nur die Tourismusindustrie, auch die Menschen in den Destinationen investierten viel, um im Tourismus mitzuhalten – ihre Identität, ihre Umgebung, ihre Kultur, ihre Ressourcen, und sie bezahlten zudem die teuren Infrastrukturen wie Strassen, Wasser- und Elektrizitätsanschlüsse für die Tourismusunternehmen aus ihren Steuergeldern, führte der gestandene Tourismusaktivist und Kleinunternehmer aus Westafrika weiter aus. Die Konsequenz liege auf der Hand: „When you invest, you need a return” – die Menschen in den Zielgebieten müssten entsprechend einen fairen Anteil am Tourismus erhalten.

„Who really benefits from tourism?“ lautete die einfache, aber einprägsame Frage, unter die das Organisationsteam die Veranstaltungen auf dem WSF stellte. Eingeladen waren zahlreiche Podiumsgäste aus verschiedenen Gegenden des indischen Subkontinentes, aus Nepal, Burma, Thailand und den Philippinen, aus Gambia, aus Peru und – im Brückenschlag zu Porto Alegre – aus Brasilien, um über ihre Erfahrungen im Umgang mit Tourismus zu berichten. Wie hart die Menschen in den Destinationen um einen fairen Anteil am Tourismus zu kämpfen haben, wie oft sie statt dessen ausgebeutet und übergangen werden, das belegten die Fachleute anhand einer beeindruckenden Fülle von Fallbeispielen, die vielfach der breiten Öffentlichkeit noch gar nicht zugänglich waren: So etwa die fatalen Auswirkungen der touristischen Erschliessungen auf die UreinwohnerInnen der Andamanen und Nicobaren-Inseln oder die gigantischen Ausbaupläne für sogenannte „Ökotourismus“-Projekte, die in den indischen Bundesstaaten Karnataka oder in Kerala von den Tourismus- und Waldministerien gemeinsam mit potenten privaten Investorengruppen vorangetrieben werden. Akut bedroht ist auch der weltweit grösste noch existierende Mangrovenwald der Sunderbans, der 1997 von der UNESCO zum Welterbe erklärt wurde und sich im Gangesdelta über ein Gebiet von 10'000 Quadratkilometern erstreckt: In dem zum indischen West Bengal gehörenden Teil der Sunderbans soll nun ein 200 Millionen US Dollar schweres „Mega-Ökotourismusprojekt“ auf die Beine gestellt werden, während im Staatsgebiet von Bangladesh im Rahmen eines Projektes zur „Erhaltung der Biodiversität“ unter der Ägide der „Asian Development Bank“ (ADB) Ökotourismus wie auch Öl- und Gasförderung im grossen Stil geplant werden.

Von den vielfältigen Antworten der Menschen rund um den Globus auf die rücksichtslosen Tourismusvorhaben zeugten die Berichte über den Widerstand gegen Grossprojekte in Goa, gegen „all-inclusive“ Tourismusarrangements in Gambia, gegen die Privatisierungen im Zuge der Tourismusentwicklung in Peru oder die Ausbeutung von Frauen und Kindern im Tourismus weltweit, aber auch die Bemühungen um bessere Arbeitsbedingungen für die Träger und neue Einkommensmöglichkeiten für die DorfbewohnerInnen entlang der Trekkingrouten in Nepal. Besonders eindrücklich war die Tatsache, dass so viele Leute, die direkt an der Basis arbeiten, das Wort ergriffen: Insgesamt nahmen 15 „Panchayat-Leaders“, Vorsteher von indischen Fischer- und Bauerndörfern, an den drei Tourismusworkshops teil und tauschten sich angeregt mit den jungen brasilianischen Delegierten der „community based“-Tourismus-projekte aus, die ihrerseits beherzt dafür plädierten, dass sich die Gemeinden erst organisieren müssten, bevor ein Tourismus entwickelt werden könne.

Interesse und Diskussionsbedarf im Publikum waren gross, wenngleich einige ZuhörerInnen, vornehmlich aus Europa, vor der schieren Informationsfülle frühzeitig kapitulierten. Doch aus dem Publikum legten immer wieder Betroffene spontan Zeugnis über ihre eigenen Erfahrungen mit dem Tourismus ab. Eine NGO-Mitarbeiterin aus Mauritius etwa beklagte die Apathie und Gleichgültigkeit in den vom Tourismus überrollten Gemeinden. Ein junges Forschungsteam aus Kalkutta präsentierte seine Untersuchungsergebnisse über die Vetreibungen der indigenen Garos in Bangladesh und der Adivasi in Orissa aus ihren angestammten Lebensräumen, auch hier im Namen des „Ökotourismus“. Herzlich begrüsst wurden die VertreterInnen der brasilianischen Landlosenbewegung MST, die lebhaft schilderten, wie sie aufgrund der immer zahlreicheren SolidaritätsbesucherInnen aus aller Welt unversehens mit Tourismus zu tun hatten, dessen Organisation sie nun selber an die Hand nehmen würden.

Tourismus als Thema der Globalisierungsdebatte

Über den Erfahrungsaustausch hinaus zielte die Podiumsveranstaltung „The Intercontinental Dialogue on Tourism“ auf die breitere Vernetzung mit Gruppierungen ab, die sich gegen die unterschiedlichsten Auswirkungen der Globalisierung zur Wehr setzen. Die Panel-Diskussion wurde zwar, wie die meisten Grossveranstaltungen auf dem WSF, reichlich von technischen Problemen überschattet, was den „Dialog“ akustisch erschwerte und die Übersetzungsversuche gänzlich vereitelte. Der Qualität der Voten tat dies aber keinen Abbruch. Gerade für die tourismuskritische Auseinandersetzung in Indien erwies sich die Panelbesetzung als ausserordentlich wichtig, nahmen doch namhafte Leaders von Massenorganisationen der Dalits, den sogenannten „Unberührbaren“, aus Nord- und Südindien sowie VertreterInnen von Gewerkschaften, Frauen- und „Grassroots“-Organisationen erstmals in der breiten Öffentlichkeit Stellung zur Problematik des Tourismus. Noch hätten sie Tourismus viel zu wenig in ihre Aktivitäten miteinbezogen, bekannten sie in ihren Statements (siehe Press Release vom 19.1.2004).

Das soll sich ändern. Allein die Tatsache, dass die WSF-Organisatoren dem Tourismus eine der 31 heiss umkämpften Grossveranstaltungen einräumten, verdeutlicht den Stellenwert, den dieser Wirtschaftszweig in der globalisierungskritischen Debatte einzunehmen hat. Damit bot sich auf dem WSF die Chance, endlich über die engen tourismuskritischen Fachzirkel hinaus breite Bewegungen dafür zu gewinnen, den Tourismus in ihren Forderungen nach Landrechten, Nahrungs- und Existenzsicherheit, demokratischer Mitsprache wie auch gerechter Finanz- und Handelsbedingungen auf internationaler Ebene zu berücksichtigen. Wie willkommen im Gegenzug die Vernetzung mit Tourismus-NGOs ist, unterstrich gegenüber akte auch P. V.

Rajagopal, der Gründer von „Ekta-Parishad“, einer Massenbewegung für die Rechte von landlosen UreinwohnerInnen und Dalits, die anlässlich des WSF unter dem Slogan „Land First“ eine beeindruckende Demonstration durchführte, welche auch von einigen Schweizer NGOs mitgetragen wurde. Aus seiner Tätigkeit heraus, so meinte Rajagopal, könnte er über tausend Fälle von Vertreibungen von Adivasis im Zuge von Tourismusentwicklungen dokumentieren.

Aufschluss über die Einschätzung des Tourismus ergaben auch die ersten Resultate der Umfrage, die College-StudentInnen aus Mumbai unter Anleitung von „EQUATIONS“ auf dem WSF durchführten. Innert drei Tagen befragten sie an die 2'000 WSF-Teilnehmende auf dem „Nesco Ground“. Auf Anhieb assoziierten offenbar etliche der Befragten Tourismus vorab mit westlichen Bedürfnissen und Luxus, was sie kaum mit ihren globalisierungskritischen Anliegen in Verbindung bringen konnten; im Lauf der Gespräche wuchs jedoch bei vielen das Interesse, sich am Stand und auf den Veranstaltungen besser kundig zu machen.

Nur dank der soliden Planung und dem Einsatz der MitarbeiterInnen von „EQUATIONS“, die im Vorfeld des WSF zahlreiche Fachleute aus ihrem Umfeld und von Partnerorganisationen aus der ganzen Welt sowie eine ganze Schar von Freiwilligen aus Mumbai zu mobilisieren vermochten, konnte mit so viel Kompetenz auf die grosse Nachfrage an qualifizierten Informationen sowohl während der Veranstaltungen wie am Stand der „Tourism Interventions Group“ eingegangen werden. Über alle logistischen Schwierigkeiten hinweg – und davon gab’s in Mumbai nicht wenige angefangen bei Strompannen über Soundprobleme bis zum Mangel an Kopiergeräten – wurde das Tourismusprogramm am WSF erfolgreich durchgezogen und bei Bedarf erst noch flexibel ausgebaut: So konnte auf den Nachmittag des 18.1. kurzfristig eine Pressekonferenz einberufen werden, die von gut 20 Medienschaffenden vornehmlich aus dem asiatischen Raum besucht wurde. Besonders erfreulich war die Anfrage des „Youth Forum“ des WSF nach einem zusätzlichen dreistündigen Workshop zu verschiedensten Aspekten des Tourismus, der am 20.1. mit mehrheitlich indischen Jugendlichen durchgeführt wurde. Zudem waren verschiedene Tourismusfachleute, insbesondere auch die Gäste aus Peru, auf anderen Veranstaltungen des WSF gefragt.

Von Mumbai nach Porto Alegre

„Es ist uns gelungen“, meinte der Geschäftsführer von „EQUATIONS“, K. T. Suresh, zum Abschluss der „Tourism Interventions“ auf dem WSF, „die Debatte aus den von der Industrie dominierten Veranstaltungen wie der Internationalen Tourismusbörse Berlin (ITB) herauszuführen in einen Raum, der uns allen gehört“. Diese Öffnung soll nun genutzt und weiter ausgebaut werden: Anlässlich eines Strategie-Workshops, der auf Einladung von „ECOT“ unmittelbar im Anschluss an das WSF in Mumbai stattfand, verabschiedeten die rund 40 Teilnehmenden aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa ein „Statement of Concern“ (siehe Beilage), das die Fortführung der Zusammenarbeit im Rahmen eines „Global Tourism Interventions Forum“ vorsieht. Das Forum will die Sichtweisen der Betroffenen verstärkt aufnehmen und denjenigen der Verantwortlichen aus Politik, Konzernen und Spitzenverbänden – zum Beispiel der Welttourismusorganisation – entgegenhalten, welche die Weichen für die Tourismusentwicklungen stellen. Besondere Aufmerksamkeit erforderten dabei die GATS-Verhandlungen bei der Welthandelsorganisation, die im laufenden Jahr in eine entscheidende Phase treten.

Offen anerkannten die Anwesenden am Strategietreffen in Mumbai auch die Beschränkungen der tourismuskritischen Bewegung, vorab die knappen finanziellen Ressourcen, die oft genug den Hintergrund von inhaltlichen Grabenkämpfen bilden. „Es gibt kaum mehr Tourismus-NGOs“, hielt Tricia Barnett von „Tourism Concern“, London, nüchtern fest, „die nicht von der Wirtschaft abhängig sind“. Wie breit die anwaltschaftliche Arbeit für die Betroffenen von Tourismusentwicklungen geführt werden kann, hängt also entscheidend von den wenigen NGOs ab, die sich bislang in ihrer Finanzierung eine gewisse Unabhängigkeit sichern konnten.

Doch unterstrichen gerade die Erfahrungsberichte auf den Tourismusveranstaltungen in Mumbai, wie wichtig diese anwaltschaftliche Arbeit zum Tourismus ist. Motiviert von der Resonanz der „Tourism Interventions“ auf dem WSF beschlossen die Teilnehmenden am „Activist Strategy Meeting“, die Einsichten aus Mumbai weiterzutragen und die Vernetzung auszubauen mit dem Ziel, am Weltsozialforum 2005 in Porto Alegre die Diskussion fortzuführen und gemeinsam mit Basisbewegungen Strategien für einen gerechten nachhaltigen Tourismus zu entwickeln, der den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung in den Zielgebieten voll Rechnung trägt.

28.1.2004/akte-plus

Über die „Tourism Interventions“ von Mumbai berichten Heinz Fuchs, EED-Tourism Watch, Bonn, und Christine Plüss, Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung, Basel, u.a.:

  • auf dem Reisepavillon Hannover 7.2.2004 von 10 – 12 Uhr, Raum Brüssel
  • sowie auf der internationalen Tourismusbörse Berlin (ITB) 12. – 16.3.2004
    (Zeit, Ort und Programm der Veranstaltung werden im Februar bekannt gegeben)

Die Ergebnisse der „Tourism Interventions“ von Mumbai werden zusammen mit den Resultaten des Vorbereitungsseminars des WSF vom Dezember 2003 in Hannover, Deutschland, und des Seminars über nachhaltigen Tourismus vom Mai 2003 in Fortaleza, Brasilien, in einem Dokumentationsband publiziert. Weitere Informationen auf: www.akte.ch, www.tourism-watch.de, www.terramar.org.

Die Präsentation des Tourismus auf dem WSF wurde unter anderem dank der Unterstützung der Schweizer Stiftung für Solidarität im Tourismus (SST) ermöglicht – der aus dem Schweizer Studenten-Reisedienst SSR Reisen hervorgegangenen Stiftung für eine gerechte, partizipatorische und nachhaltige Entwicklung des Tourismus (www.sst-foundation.org)

*Christine Plüss ist Geschäftsführerin des Arbeitskreises Tourismus & Entwicklung, Basel, und Mitglied des-Organisationskomitees, das die Tourismusveranstaltungen auf dem WSF 2004 in Mumbai vorbereitet und durchgeführt hat.

Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung
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